
Oh Gott! Die Birne tat ihm weh wie Sau. Nils schüttelte den Kopf. Er konnte überhaupt noch keinen klaren Gedanken fassen. Wo war er überhaupt? Wenigstens in seinem eigenen Bett, das war schon mal gut. Und außerdem?
„Montag ist heute“, fiel ihm wieder ein. „Oh Scheiße, Montag! Wie spät ist es denn?“ Er stützte sich ächzend hoch und versuchte, seinen Blick auf das kleine Display seines Radioweckers zu fokussieren. „Ach du Scheiße, halb zwei!“ Erledigt von dieser Erkenntnis brach er wieder in sich zusammen. Montag, halb zwei, und er lag noch wie ein Wrack im Bett. Eine Woche, die so anfing, konnte realistisch nicht aufgeholt werden. Schon wieder einen neuen Anfang vermasselt. Shit! Er würde nie den Arsch hochkriegen. Diese Einsicht war ihm zwar nicht neu, aber allmählich wurde sie bedrohlicher. Er fühlte sich widerlich, zum Kotzen. Mindestens. Nils genoss das Leben eines erfolglosen Popmusikers zum wiederholten Male in vollen Zügen.
Was war gestern Abend eigentlich passiert? Erinnerungsfetzen arbeiteten sich mühsam aus der Speicherzone in Nils´ Überlegebereich. Das dauerte ein bisschen. Nils überbrückte die kleine Pause mit intensivem Würgen. Eine Kneipe fiel ihm ein. Extrem laute Mucke mit stahlharten Beats und tausend Kippen. Nils war Nichtraucher. Der Geruch von dem kalten Zigarettenqualm explodierte in seiner Vorstellung und ließ ihn sogar jetzt noch nachträglich husten. Sine, seine Freundin, die eigentlich Sabine hieß, hatte ihn zur Wiederversöhnung in eine Szenekneipe geschleppt. Anfangs lief alles ganz auf Sex hinaus. Viel Gelache, Geschmuse und das ganze Zeug. Sine hatte ihren Nils wirklich gern. Er sie auch, mehr aber nicht. Es war ihm bisher nicht schwergefallen, ihr den kommenden Superstar vorzuspielen. Die Karriere stände praktisch schon vor der Haustür und müsste nur noch rein gelassen werden. Irgendwas war aber gestern Abend trotzdem noch schief gelaufen. Sine hatte ihm mit voller Wucht in die Fresse gehauen, und er war mit dem Stuhl umgekippt. Hatte er sie provoziert? Irgendwelchen Mist gelabert? Keine Erinnerung. Alles in allem war das aber eine beschissene Demütigung gewesen, so vor all den Leuten. Die gierigen Blicke, die sensationslüsternen Visagen. Mist, das war irre peinlich. Wie war er eigentlich nach Hause gekommen? Fadenriss. Das letzte gültige Bild in seinem Erinnerungssalat war Sines vor Wut zerfressenes Gesicht.
Er musste irgendwie hochkommen, und konzentrierte sich. Mit einer ruckartigen Bewegung rollte er sich in den Stand, flog aber gleich wieder vornüber in seine halb vertrocknete Botanik, die auf dem Boden stand. Der einsetzende Schwindel betäubte alles, auch den neuen Schmerz im Gesicht. Nur allmählich ließ Nils´ Gehechel nach. Vorsichtig auf dem Bauch kriechend bewegte er sich rückwärts aus seinem platt gewalzten Ficus-Bäumchen heraus. Dabei zog er eine kleine Blutspur über den Teppich hinter sich her. Das wurde ja immer schlimmer! Außer sich wegen der Sauerei stütze er sich schnaufend hoch und schaffte es, ein zitterndes Stehen hinzukriegen.
„Reiß dich zusammen“, sagte er sich. „Jetzt bloß nicht umkippen.“ Zehn, zwanzig Sekunden stand er so da. Dann traute er sich und machte eine langsame Drehung Richtung Badezimmer. An der Wand abgestützt schaffte er es schließlich bis vor den Trichter, kramte sein verschrumpeltes Ding raus und pinkelte an den Rand der Schüssel. Was für ein geiles Gefühl. „Ich pisse, also bin ich“, sinnierte er. Bei dem Gedanken musste er lachen. Descartes hatte sich geirrt.
Gut, allmählich schien sich die Situation zu bessern. Nils riskierte einen Blick in den Spiegel. Er sah grausam aus, aber nach so einer Nacht durchaus angemessen. Von Sines Faustschlag war im Gesicht fast nichts zu sehen, aber er blutete aus der Nase. „Dieser Scheiß Ficus ist doch härter als man glaubt“, sagte er sich. Damit überhaupt mal jemand was sagte in diesem Elend. Mit dem Toilettenpapier tupfte Nils vorsichtig das gerinnende Blut ab und wartete einen Moment, ob noch was nachkam. Tat es aber erfreulicherweise nicht. Zufrieden mit diesem ersten kleinen Erfolgserlebnis des Tages versuchte er sich zu merken, gleich mit dem Hemd vorsichtig zu sein, wenn er es über den Kopf streifte. Damit die Kruste nicht aufriss und die Klamotten versaute. Okay, die Lage kam allmählich unter Kontrolle.
Er musste noch mal grinsen. „Ich greife an“, dachte er ohne tiefere Erkenntnis. So was gefiel ihm auch. Sätze wie diese waren Mantras für ihn, sie sollten ihn nicht beruhigen, nur aufputschen. Da draußen war ein Dschungel, war Krieg, und er war ein einsamer Samurai, der für Gerechtigkeit und Menschlichkeit kämpfte. Und natürlich für sich. Ganz besonders, nein, eigentlich nur für sich.
Trotzdem nagte ein tiefer Zweifel in ihm. Dass er es doch nicht schaffen würde. Was? Ja, was? Er wusste es schon wieder nicht mehr.
