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„Guten Morgen Erika, guten Morgen Fritz. Wie geht es euch?“ Grothe lächelte verkniffen und gab den beiden zur Begrüßung die Hand. Es war eine Minute vor Zehn und die Glastür von Karstadt „Hören und Lesen“ wurde gerade aufgeschlossen.

„Was ist aus deiner Zischerei geworden, Grothe?“, fragte Fritz der Form halber.
„Hab´ mir vorläufig ´n Stückchen Kaugummi auf den abgebrochenen Zahn gesteckt“, sagte Grothe und zog die Oberlippe hoch, um sein Meisterwerk bestaunen zu lassen. Man konnte es kilometerweit sehen.
„Das kann man ja ziemlich deutlich sehen“, meinte Fritz deshalb auch ganz folgerichtig. „Aber wenn es dir gefällt.“ Grothe ließ die Lippe enttäuscht wieder fallen.
„Sollten wir nicht reingehen?“, fragte Erika. „Ich bin schon total gespannt“.
„Warum nicht?“, antwortete Grothe, heilfroh, der Zahndiskussion entkommen zu sein. Er hielt den beiden älteren Herrschaften die Tür auf, und Fritz rollte als Scout mit seiner Gehhilfe vorne weg. Bei den Neuheiten wurden sie sofort fündig. Ein dicker Stapel mit „Gimme da life“ CDs stand ganz vorne. Mit einem Foto von Nils drauf. Jeder von den Dreien schnappte sich ein Exemplar und versuchte, den winzigen, kleingedruckten Text auf der Rückseite des CD Blisters zu entziffern. Von hinten näherte sich eine Gruppe extrem junger Girlies. Keine über vierzehn. Eher jünger.

„Aye, voll krass!“, quiekte die Erste. „Die Grufties fahren auf „Gimme“ ab, die Härte.“
„Ey, macht ma die Biege, wa!“, blökte die Zweite. „Bis ihr dat entziffert habt, kriegen wir auch schon Rente, wa!“ Ein Verkäufer in sicherer Entfernung grinste sich eins. Grothe guckte blöd, Erika verlegen und Fritz brachte sich als Mann in Stellung.
„Ein bisschen mehr Respekt, wenn ich bitten darf!“, blaffte er die an, die er für die Rädelsführerin hielt. Die hatte das meiste Metall in der Fresse und war am Hals tätowiert. „Was macht ihr überhaupt hier? Um diese Zeit solltet ihr doch eigentlich in der Schule sein!“ Die Girlies starrten den offensichtlich lebensmüden Fritz an. Der schien auf eine Abreibung richtig scharf zu sein. Konnte er haben.

„Und du, solltest du nicht längst unter der Erde sein, alter Sack?“, gab die Anführerin frech zurück, die anderen johlten vor Begeisterung. Erika suchte an Fritz´ Schulter Schutz. Solche Szenen kannte sie nur aus dem Fernsehen. Da hatte sie immer viel Verständnis für die Jugendlichen. Schlimmes Elternhaus und so. In echt war das aber was anderes. Grausame Jugend hin oder her, das hier war nur tumber Pöbel.

„Unverschämtheit!“, tobte Fritz. „Sag mir sofort deinen Namen! Das gibt ´ne Anzeige!“
„Ich scheiß mir schon vor Angst in die Hose“, griente die Freche ihn höhnisch an.
„Jetzt reicht es aber wirklich!“, brachte sich Grothe lautstark ins Geschehen ein. „Ich bin Staatsanwalt. Zeigen Sie mir sofort Ihren Personalausweis. Die anderen auch!“ Vor Aufregung hatte er seinen Kaugummi vergessen, der jetzt in voller Pracht in die Gegend funkelte. Die Girlies starrten fasziniert hin. Krass, der Typ.

„Der Fuzzi steht auf Body Modification Eileen!“, schrie eine der Anführerin zu. „Guck dir ma sein Fresswerkzeug an!“ Die guckte sich das an und fasste einen Entschluss.
„Du willst ´n Staatsanwalt sein?“, fragte Eileen betont langsam. „Dat glaub´ ich nich. Ich bin sicher, du bist der Zivi von den beiden Ärschen. Und meinen Perso zeig´ ich dir nich´, dafür aber wat anderet.“ Dann griff sie seelenruhig in ihre Umhängetasche und holte einen Schlagring raus, auf dem mit Filzstift fett „I love you“ draufgeschmiert war. Den hielt sie Grothe vor die Nase. Dem quollen die Augen aus dem Kopf. Der Verkäufer im Hintergrund schüttelte den Kopf über Grothes Blödheit und ging die beiden Zivilbullen in den Laden holen, die gerade zufällig draußen vor dem Laden auf Streife waren und die er kannte. Die beiden anderen Girlies feuerten Eileen an.
„Ja, zeig´s ihm Eili! Mach die Sau platt!“
„Ihr seid ja alle komplett wahnsinnig!“, kreischte Grothe in seiner Not mit zwei Zacken von dem Schlagring in den Nasenlöchern. In einer Reflexbewegung scheuerte er Eileen dermaßen eine, dass die rückwärts in Fritz und Erika rein semmelte. Zu dritt flogen sie dann weiter in den Neuheitenstapel, wobei auch einige „Gimme da life“ CDs geschreddert wurden. Grothe glotzte ungläubig auf das Chaos. Die beiden Zivilbullen stürzten sich mit Geschrei von hinten auf ihn, drehten ihm die Arme auf den Rücken und legten ihm Handschellen an.

„Ich bin Staatsanwalt!“, heulte Grothe. „Staatsanwalt Grothe!“, und bleckte seinen Kaugummi.
„Geistig total verwirrt“, sagte der eine Bulle.
„Ganz ruhig Freundchen“, sagte der andere. „Wir nehmen dich jetzt erst mal mit, und dann erzählst du dem Haftrichter deine Geschichte. Schön der Reihe nach.“
„Die Kleine hat mich bedroht. Die hat einen Schlagring!“, kreischte Grothe entsetzt.
Hatte die aber bei der Überprüfung durch einen der Bullen nicht. Nicht mehr. Eines der Girlies hatte ihn geistesgegenwärtig eingesteckt.
„Möchten Sie Anzeige erstatten?“ fragte der erste Bulle die Girlies und die Tönnes.
Die Tönnes standen zwar unter Schock, verneinten aber trotzdem. Anders Eileen. „Na klar!“, grinste die. „Der Bursche gehört hinter Gitter“. Man brachte Grothe weg.
„Ich rufe Sie an!“, rief er den Tönnes noch vom Ladenausgang zu. „Sobald ich das hier geregelt habe!“

Das dauerte dann aber. Erst gegen Abend wurde er dem Haftrichter vorgeführt. Der glaubte Grothes Geschichte zwar nicht, nachdem er dessen Kaugummi entdeckt hatte, wollte einem Kollegen aber nicht ans Leder und ließ ihn bis zur Verhandlung erst mal laufen. Danach rief er die Richterin für dringende Fälle an. Die wiederum erwischte Grothe am Hörer, kurz nachdem er seine Wohnung betreten hatte.

„Herr Grothe, ist Ihre Lage noch nicht schlimm genug?“, pfiff sie ihn sofort an. „Müssen Sie jetzt auch noch Ihren sadistischen Neigungen in aller Öffentlichkeit nachgehen? Ihre widerwärtigen Triebe an blutjungen Mädchen und wehrlosen Alten ausleben? Wie krank sind Sie eigentlich?“ Grothe sah sich immer schneller in einem Meer aus Scheiße versinken. Waren seine Ansichten über den Rechtsstaat auch schon in der Vergangenheit des Öfteren auf harte Proben gestellt worden, so hatte er durch die jüngsten Ereignisse den Glauben daran endgültig verloren.

„Frau Richterin, ich habe dort im Fall Gehrin ermittelt“, sagte er matt.
„Sie sind ja komplett bescheuert Grothe! Was für eine Art Ermittlung soll das denn gewesen sein? Wollten Sie die Wahrheit aus einer Vierzehnjährigen herausprügeln, die mit dem Fall gar nichts zu tun hat? Glauben Sie an Orakel, Sie Idiot?“ Die Richterin sah Rot. Blutrot. Sie würde persönlich Grothes vorzeitige Versetzung in den Ruhestand veranlassen. Oder, wenn möglich, gleich in die Irrenanstalt mit ihm!
„Frau Richterin, ich kann das jetzt nicht so schlüssig darstellen. Ich komme in der Sache tatsächlich gut voran und brauche nur noch ein paar Tage“. Grothe überlegte kurz, ob er zu dem minderjährigen Miststück Eileen Stellung nehmen sollte, verwarf diesen Gedanken aber wieder. Die müsste er sich separat mal vornehmen, die hatte die anderen kleinen Arschlöcher als Zeugen. Drei gegen drei, das sah nicht gut aus.
„Herr Grothe, Sie haben Zeit bis Ende der Woche, und das auch nur deshalb, weil Sie Staatsanwalt sind und praktisch zu unserer Truppe gehören. Sollte ich bis dahin nichts Verwertbares von Ihnen haben, lasse ich Sie einbuchten. Ein Grund wird sich schon finden. Guten Tag!“ Die Richterin hatte aufgelegt.

Grothe war in einer seltsamen Stimmung. Es war ihm plötzlich alles egal geworden. Man hatte ihn auf der Abschussliste, und er kam nicht mehr davon runter. Er wählte Ünals Nummer.
„Herr Dr. Ünal? Schön, dass ich Sie noch erreiche. Ich habe es mir überlegt. Ihr Vorschlag erscheint mir jetzt in einem ganz anderen Licht. Für 50.000 in bar wäre die Sache in Ihrem Sinne zu regeln. Ich weiß, dass die Versicherungen erst später zahlen, aber es muss sofort sein und in bar, anders lässt sich die Sache nicht abwickeln. Ich nehme doch an, dass Ihr Mandant flüssig genug ist. Sie sind einverstanden? Gut. Die Übergabe erfolgt dann morgen oder übermorgen. Ich rufe Sie deswegen noch mal an. Kein Problem, ich habe Ihnen zu danken.“ Grothe beschloss, sich nicht länger mit Bölkstoff abzugeben und holte sich die Wodkapulle. Die hatte wenigstens Schraubverschluss.

„Ab morgen wird zurückgeschossen“, dachte Grothe. Er würde es den Schweinen nicht leicht machen, ihn zu schlachten. Erst mal brauchte er die Gehrin Kohle, falls er schnell reagieren musste. Abhauen zum Beispiel. Dann hätte er ein schnelles Auto und schnelle Kohle. Was sollte ihn da noch aufhalten? Es klingelte an seiner Tür. Er öffnete. Grothe traf der Schlag! Vor ihm stand, kaum noch zu erkennen, Börner. Wie kam der hier her, wo hatte Börner seine Adresse her? Und wie der aussah. Er hatte alte Filzpantoffeln an und den Schlafanzug unter einem langen Mantel versteckt.

„Überraschung“, sagte Börner trocken und schlurfte an Grothe vorbei. „Willst du die Tür nicht zu machen, es zieht.“ Grothe schloss die Tür. Er rang um Fassung.
„Mensch Börner, wie siehst du aus? Was machst du hier? Du warst noch nie bei mir zu Hause. Wir kennen uns doch nur von „Mimi“. Bist du irgendwo abgehauen?“
„Ne Grothe“, antwortete Börner lakonisch. „Die haben meine Klamotten bei der Entlassung nur nicht mehr gefunden. Haben die verfluchten Schwestern im St. Anna verbrannt. Jetzt komme ich direkt aus dem Sebora-Hospiz und dachte mir, ich gehe doch mal erstes Mal bei meinem Retter vorbei, um mich zu bedanken. Konnteste wenigstens was mit meinem Zettel anfangen?“ Grothe schluckte schwer.

„Ich weiß, du wirst es mir nicht glauben, aber ich habe echt versucht, dich aus dem St Anna rauszuhauen. Hat nicht geklappt, du warst schon weg. Was soll ich sagen?“
„Sag doch einfach „Willste was trinken?“. Oder „Na klar helfe ich dir mit Geld. Du hast mir auch geholfen“. So was in der Art.“ Grothe hatte wieder Durchblick und eine Idee.
„Wenn ich ehrlich bin, kommst du mir wie gerufen. Hast du Zeit? Bist du noch krank geschrieben?“
„Laut Sebora bin ich für immer krank geschrieben“, lachte Börner irre. „Die sagen, ich bin fertig. Das reichte aber nicht, um mich da zu behalten. ALG II ist meine Zukunft.“
„Noch nicht.“ Grothe lächelte. „Ich hätte da was für dich. Es geht um den Gehrin.“

 

 

 

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